Bildung und Herkunft

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Schon während meinem Bachelor-Studium bin ich immer wieder öfters auf das Thema Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit gestoßen. Dieses Thema hat mein Interesse aus zwei verschiedenen Gründen besonder geweckt.

Zum einen bin ich selbst ein „Arbeiterkind“ und gehöre zu den 10% der Universitätsabsolventen, die aus einem Nicht-Akademischen Haushalt stammen. Daher kann ich die vielen wissenschaftlich beschriebenen Effekte bzw. Mechanismen, die durch die soziale Herkunft wirken, selbst nachvollziehen, verstehen und analytisch greifbar zu machen. Man lebt quasi zwischen zwei verschiedenen Welten.

Zum anderen ist dieses Thema gerade auch aus einer Gerechtigkeitsperspektive interessant, da der Bildungserfolg und damit die gesellschaftlichen Positionen, nach wie vor eng an die soziale Herkunft gebunden sind. Dadurch sind die Möglichkeiten durch individuelle Leistungen einen guten sozialen Status zu erreichen, in gewisser Weise durch die Herkunft beschränkt.

 

Was habe ich gerlernt:

  • Eine eigene Fragestellung „Vererbt sich der Bildungserfolg“ entwickeln
  • Literaturrecherchen durchführen
  • Einarbeitung in ein neues Themengebiet und die Verbindung mit bereits erlerntem Wissen herstellen
  • Daten recherchieren, auswerten
  • und in Form eines Artikels (der leider nicht veröffentlicht wurde) aufbereiten
  • Vieles über das deutsche Bildungssystem und die Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg
  • Bildungserfolg ist nicht ausschließlich auf individuelle Leistungen zurückzuführen
  • Entscheidungen über Bildungskarrieren sind nicht immer wirklich „freie“ Entscheidungen

Insgesamt hat sich das in diesem Zusammenhang besuchte Seminar mit der Frage der intergenerationalen Gerechtigkeit mit politischen, sozialen und nachhaltigen Fragestellungen beschäftigt. In diesem Seminar habe ich mit einer Mitstudentin folgende Fragestellung untersucht und analysiert:

„Entscheidet die Herkunft zu stark über die Bildungskarriere?“

Die Ursachen für Bildungsungleichheit werden zunächst einmal in der Schule als Institution verfestigt und reproduzieren damit indirekt und direkt den sozialen Status der Eltern. Dies geschieht indem in der Schule implizit ein gewisses kulturelles Wissen vorausgesetzt wird, welches durch die Eltern höherer Bildungsgruppen teilweise bereits vermittelt wurde.

Diese Erkenntnis geht auf die Kapitaltheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurück. Dieser erklärte soziale Unterschiede dadurch, dass jeder Mensch mit einem bestimmten Bündel von Kapitalien (z. B. Geld) aufwächst, die dadurch ein bestimmtes Handeln und Verhalten warhscheinlicher machen. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Kinder, deren Eltern bereits ein solches hohes Kapital ansammeln, dieses an ihre Kinder weitergeben, sodass diese im Bildungsprozess Vorteile genießen (zum Beispiel wenn die Eltern eine Vielzahl intellektueller Bücher besitzen). Somit kann impliziert werden, dass die soziale Herkunft sehr stark den (formalen) Bildungserfolg beeinflusst.

Dieses haben wir durch die Berechnung von Korrelationen (anhand der Schulabschlüsse von Eltern und Kindern) nachgewiesen und empirisch bestätigt. Wenngleich sich diese Ergebnisse je nach Herkunft (gemessen am Schulabschluss der Eltern und der Kinder) in unterschiedlichem Maße zeigen.

Grundsätzlich können Bildungsunterschiede aufgrund zwei unterschiedlicher Theorien erklärt werden. Einerseits aufgrund der bereits geschilderten Theorie von Pierre Bourdieu, wonach sich die Gesellschaftsstruktur durch kulturellen Erfolg reproduziert, andererseits durch den Ansatz von Boudon, wonach es herkunftsbedingte Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg gibt. Im Gegensatz zu Bourdieu sind diese aber nicht im Kulturellen zu suchen, sondern in primären und sekundären Herkunftseffekten.

Primäre Herkunftseffekte sind beispiels Ressourcen und Kompetenzen, die während der Sozialisation erworben wurden. Sekundäre Herkunftseffekte zeigen sich beispielsweise in den Bildungsentscheidungen der Eltern und Kosten-Nutzen-Entscheidungen. Letztzlich entscheidet aber das Indivuum selbst über seinen schulischen Erfolg, indem es eine entsprechende Leistung erbringt.

„Während die Oberschichten die legitime Kultur bestimmten, an der sich das Bildungswesen orientiert, und dementsprechend nur ihrem Habitus zu folgen brauchten, um im Bildungswesen erfolgreich zu sein, mussten die Unterschichten sich an eine Kultur anpassen, mit der sie nicht vertraut waren und die ihrem Habitus widersprach“ (Rehbein 2006: 127)

Das alles […] führe schließlich dazu, dass das Bildungssystem die ohnehin privilegierten Schichten begünstige und zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten beitrage, indem es diese Bildungsungleichheiten übersetze und damit legitimiere […]“ Bourdieu 1998: 174 zit. Nach Kramer 2013: 121).

Die gesellschaftlichen Unterschiede bzw. (kulturellen) Herkunftseffekte werden also durch die Schule reproduziert und legitimiert. Zugleich wirkt das Schulsystem als ein Zuweisungsystem, nachdem verschiedene gesellschaftliche Gruppen einen sozialen Status erhalten (z. B. Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Abitur). Diese Statuszuweisung vererbt damit in gewisser Weise das familär erworbene kulturelle Kapital und reproduziert damit einen sozialen Status.

Die so entstanden Bildungsungleichheit, ist damit de facto kein ausschließliches Ergebnis individueller Leistungen, sondern wird ebenso durch kulturelle, gesellschaftliche Mechanismen beeinflusst.

„Ein Kind erbt in diesem Sinne von einer Familie ein Verhältnis zur sozialen Welt und damit Weisen, die Welt wahrzunehmen, zu deuten und über sie zu denken, damit verbunden sind Formen des Sprechens und andere Neigungen, die von sozialen Klassen als wertvolles kulturelles Wissen definiert werden“ (Falkenberg/Kalthoff 2008: 802).

Ergebnisse 

Empirisch lassen sich die beiden von Bourdieu und Boudon vermuteten Effekte nachweisen, wenngleich diese in unterschiedlichem Maße zum Tragen kommen. Es zeigt sich, dass sich die Bildungsabschlüsse zugunsten höherer und mittlere Bildungabschlüsse verschoben haben. Eine besonders starke Reproduktion von Bildungsabschlüssen herrscht in den oberen Segmenten, wohingegen sich in den unteren Segmenten eine anteilsmäßige gleiche Reproduktionsrate der Bildungsabschlüsse zeigt, aber auch ein hoher Anteil einen höheren Abschluss erwirbt als die Elterngeneration.

Die Ergebnisse können gerade bei den höheren Schulabschlüssen im Sinne Bourdieus gedeutet werden. Hier reproduzieren die Kinder, um ihren sozialen Status und ihre Abgrenzungsmerkmale zu sichern, die gleichen schulischen Bildungstitel, wie die Elterngeneration. Dabei spielen nicht zuletzt auch elterliche Bildungsentscheidungen eine wichtige Rolle.

Im Gegensatz hierzu kann bei den unteren und mittleren Abschlüssen der Elterngeneration und dem Erwerb höherer Bildungsabschlüsse durch die Kindergeneration eher mit den Rational Choice Ansätzen argumentiert werden. Während bei unteren Abschlüssen individuelle Entscheidungen in den Vordergrund rücken, werden bei mittleren und höheren Abschlüssen in einem größeren Maße die Bildungstitel der Eltern reproduziert.


Besuchte Veranstaltungen / Referate / Hausarbeiten zum Thema:

Generationengerechte und nachhaltige Bildungspolitik (Buchseminar)
|Referat und Hausarbeit: Ungleichheit der Bildungschancen – Entscheidet Herkunft zu stark über die Bildungskarriere?
Makrosoziologie – Themen sozialer Ungleichheit (Seminar)
|Hausarbeit: Soziale Bildungsungleichheit im Kontext von Rational-Choice und Pierre Bourdieus Gesellschafttheorie


Weiterführende Literatur zum Thema:

Becker, Rolf (2000): Klassenlage und Bildungsentscheidungen. Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 3, Seite 450-474.
Becker, Rolf (2007): Wie nachhaltig sind die Bildungsaufstiege wirklich? Eine Reanalyse der Studie von Fuchs und Sixt (2007) über die soziale Vererbung von Bildungserfolgen in der Generationenabfolge. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 59, Heft 3, Seite 512-523.
Becker, Rolf (2009): Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In: Becker, Rolf (Hg.): Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesebaden, Seite 85-129.
Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang (20072): Bildung als Privileg – Ursachen, Mechanismen, Prozesse und Wirkungen. In: Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang (Hg.): Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden ,S. 9-41.
Berger, Peter A.; Kahlert Heike (20082): Bildung als Institution: (Re-)Produktionsmechanismen sozialer Ungleichheit. In: Berger, Peter A.; Kahlert, Heike (Hg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim, München, Seite 7-16.
Boudon, Raymond (2009): Rational Choice Theory. In: Turner, Ryan S.: The New Blackwell Companion to Social Theory. Oxford, Seite 179-195.
Bourdieu Pierre; Passeron, Jean-Claude (1971) : Die Illusion der Chancengleichheit: Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Stuttgart.
Bourdieu, Pierre (1984): Die Feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp. Frankfurt am Main.
Bourdieu, Pierre (1997): Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. In Baumgart, Franzjörg (Hg.) : Theorien der Sozialisation. Bad Heilbrunn. UTB. S. 217-231.
Deutsches Statistisches Bundesamt (DESTATIS) (2013): Der Mikrozensus stellt sich vor (Stand 27.06.2013).
Grundmann, Matthias et al. (20072): Bildung als Privileg und Fluch – zum Zusammenhang zwischen lebensweltlichen und institutionalisierten Bildungsprozessen. In: Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang (Hg.): Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, S.43-70.
Hillmert, Steffen (20072): Soziale Ungleichheiten im Bildungsverlauf: Zum Verhältnis von Bildungsinstitutionen und Entscheidungen. In: Becker, Rolf; Lauterbach, Wolfgang (Hg.): Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden, Seite 71-98.
Lörz, Markus; Schindler, Steffen (2011): Bildungsexpanison und soziale Ungleichheit: Zunahme, Abnahme oder Persistenz ungleicher Chancenverhältnisse – eine Frage der Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie 40 (6). S. 458-477.
Solga, Heike (20082): Meritokratie – die moderne Legitimation ungleicher Bildungschancen. In: Berger, Peter A.; Kahlert, Heike (Hg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim, München, Seite 19-38.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2011): Datenreport 2011: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik. Band I. Bonn.
Kupfer Antonia (2011): Pierre Bourdieu: Reproduktion der Klassengesellschaft durch Bildung. In: Kupfer, Antonia (2011): Bildungssoziologie.

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